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Ikebana in der Tenri Japanisch-Deutschen Kulturwerkstatt: Kadō – Der Weg der Blumen. Schönheit in Asymmetrie

Kultur ist das, was Menschen aus sich und ihrer Welt machen. In kulturellen Traditionen spiegelt sich immer die Denk- und Lebensweise der Menschen wider, welche sich mit ihr identifizieren.  Ikebana ist die traditionelle japanische Blumensteckkunst. Das Blumenstecken, dessen Wurzeln in religiösen buddhistischen Blumenopfern in Tempelanlagen liegen, wird mit Liebe zur Natur und mit Freude im Umgang mit den Pflanzen seit mehr als 600 Jahren praktiziert. Die starke Verbindung der Japaner zur Natur liegt im Zen-Buddhismus begründet, weswegen Ikabana auch als eine Form von Meditation erfahren werden kann. Im Ikebana wird zudem das Konzept von Natur als Quelle von Kreativität widergespiegelt: Zoka bedeutet Kreation und Transformation und wird mit der Kraft der Natur und des Universums in Verbindung gebracht​. Es beeinflusst auch heute noch das moderne Leben in Japan und spiegelt sich in Architektur, Kunst, Handwerk und vor allem in (traditionellen) Bräuchen wieder​.   

Ikebana (japanisch 生け花) bedeutet wörtlich „lebende Blumen“ (ike lebend und bana Blume) und kann auch als Kadō (japanisch 角) „der Weg der Blumen“ verstanden werden. Im Letzteren spiegelt sich dessen Bedeutung als geistiger und ästhetischer Schulungsweg, welcher in Japan „dō“ genannt wird, wieder. Ikebana, oder Kadō, ist nämlich nur einer von vielen unterschiedlichen spirituellen und künstlerischen „Wegen“ in Japan: Teezeremonie (茶道 Sadô), Kalligraphie (書道 Shodô), Duftzeremonie (香道 Kôdô) und die Kampfkünste (武道 Budô) zählen ebenfalls dazu.

Bei dem Kurs, der am 03. Juli in der Tenri Kulturwerkstatt stattfand, zeigte Frau Akiko Kaneko, wie wir nach den Regeln der Ohara-Ikebana-Schule, Blumen, Zweige und Blätter in Harmonie zueinander in einer Schale arrangieren können. Der Moribana-Stil der Ohara-Schule, erfreut sich der größten Popularität im modernen Japan, was daran liegen mag, dass er viel weniger streng und formell, als zum Beispiel der Rikka-Stil, welcher direkt aus buddhistischen Opfergaben entspringt, ist. Die Form des Jiyuka gibt dem Künstler jedoch den größten kreativen Spielraum. Die Auswahl der Blumen und Pflanzen ist je nach Jahreszeit unterschiedlich. Für den Kurs im Juli brachte Frau Akiko Kaneko eine Pflanzenauswahl für den Sommer mit: beispielsweise Beeren vom echten Johanniskraut, Muschelblumen und Zinnien. Zu Beginn führte uns Frau Kaneko in die Grundpinzipien des Ikebana ein und erklärte die spezifische Steckweise des Moribana, wonach sie uns zur Orientierung selbst ein Blumengesteck vorführte.

Das Hauptaugenmerk liegt beim Ikebana nicht bloß auf den Blüten, sondern auch Vase, Stängeln, Blättern und Zweigen wird der gleiche ästhetische Wert beigemessen. Gesteckt wird auf einer für den Moribana-Stil typischen flachen Keramikschale, der utsuwa. Da den Pflanzen so keine Stütze geboten wird, steckt man die Stängel auf einem Blumensteckigel, dem Kenzan. Mit Hilfe dessen können die sie in jede beliebige Richtung gedreht und gebogen werden. Gesteckt wird auf den drei Hauptlinien shin (真), soe (副) und tai (体), die Himmel, Erde und Menschheit symbolisieren. Weitere zusätzliche Äste oder Blüten, inmitten der Achsen dieser drei Linien, dienen lediglich zur Unterstützung der drei Hauptprinzipien. Die Pflanzenhöhe des shin beträgt circa 1,5 bis 3-mal der Länge + Breite der Moribana-Schale, soe 2/3 der Länge des shin und tai wiederum 2/3 der Höhe der soe (halbe Länge der shin). Diese und weitere Prinzipien werden anschaulich von Frau Kaneko erläutert.

Der Fokus liegt auf der dynamischen Anordnung der Blumen; der Asymmetrie in vorgegebenen Linien sozusagen. Die Blumen sollen ihr eigenes Wesen zum Ausdruck bringen, weswegen auch dem Leerraum zwischen ihnen ein ästhetischer Stellenwert beigemessen wird. Es geht um den bewussten Umgang mit der Natur und inneren Einklang mit sich selbst und der Umgebung. Anders als die prächtigen und üppigen Blumensträuße, die wir aus Deutschland kennen, verwendet man im Ikebana daher eher wenig Materialien. Bei der Kunst des Blumensteckens geht es vor allem nicht um das Anhäufen von Blumen in Vasen, sondern um künstlerische Gestaltung und die „innere Form nach festen Regeln einer geistigen Disziplin“ (Berke 1969: 12). Die drei Hauptlinien geben zudem auch die Blickrichtung auf die Vorderseite des fertigen Gestecks an. Ein Ikebana-Arrangement kann nicht wie ein Blumenstrauß von allen Seiten betrachtet werden.

Trotz des gleichen Pflanzenmaterials glich am Ende des Kurses kein fertiges Ikebana-Arrangement dem anderen. In jeder einzelnen ästhetischen Komposition entfaltet sich die individuelle Persönlichkeit, Stimmung, sowie die Präferenzen des Gestalters.  Man färbt das Gesteck, trotz der leitenden Regeln, sozusagen in seinen eigenen Farben. Diese kontemplative, meditative, und zudem auch wundervoll kreative Tätigkeit, bietet mit Sicherheit viel Entspannung, Spaß und jede Menge neuer Kraft für den Alltag.

Die Ikebana-Kurse finden in unregelmäßigen Zeitabständen immer samstags in der Tenri Japanisch-Deutschen Kulturwerkstatt statt.

Berke, Hubert (1969): Vorwort. In: Erste Deutsche Ikebana-Schle Köln (Hg.): Ikebana-Almanach. 1. Deutsche Ikebana Schule. Köln: Ostasiatischer Kunstverlag, S. 12–13.